Dienstag, 26. April 2011

"Irgendwas mit Medien" oder "die Prinzessin der (Praktikanten)Herzen"

Eigentlich ist das Thema "Generation Praktikum" ja ausgelutscht. Warum trotzdem das Leid der Jung-Akademiker und Absolventen aufs Neue schildern? Weil ich im Internet zwar viel Geheule lesen kann, über die armen ausgebeuteten Praktikanten, aber nirgends etwas zu rechtlichen Grundlagen zu lesen ist, die man im Bewerbungsgespräch (wenn einem der Kragen platzt) guten Gewissens zitieren möchte. gute-frage.net oder wer-weiss-was.de sind da als Quellenangabe eher nicht geeignet.
Aber nun erstmal zur Vorgeschichte:
Eigentlich sollte das Praktikum ja nur ein Lückenfüller für den Lebenslauf während der eigentlichen Jobsuche sein. Ich bewarb mich auf einige Inserate und war sehr verblüfft, dass es "mehrstufige Bewerbungsprozesse" gab und ich nach 6 Bewerbungen 6 Absagen in meinem EMail-Postfach hatte.
Zur Erklärung: Mein letztes Praktikum liegt etwa 10 Jahre zurück und der Aufwand es zu bekommen war so in der Größenordnung eines Anrufs.
Bei der nächsten Bewerbungsrunde ging ich dann auch ganz ernsthaft zur Sache. Parallel zu den eigentlichen Bewerbungen formulierte ich mir nun auch bei den Anschreiben für Praktikumstellen einen Wolf. Zum Spaß und zur Übung. Besonders viel Mühe gab ich mir für ein "vergütetes Praktikum ( 400 Euro ) im Community Management" bei einem Internetportal.
In meiner schier grenzenlosen Naivität dachte ich mir, für 400 Euro leiste ich da ein paar Stunden im Monat ab, kann mich nebenher in Ruhe weiter bewerben, habe eine spaßige Tätigkeit, bei der ich was über Community Management lernen kann und alles ist überhaupt dufte.
Die Unternehmensrecherche ergab, dass das Portal von einer adligen Dame gegründet wurde, in einem hippen Loft in Köln sitzt und insgesamt einen coolen Eindruck macht. Über die 10 verschiedenen offenen Praktikantenstellen (von "C" wie "Community Management bis "W" wie "Web Developer") auf der Karriereseite des Portals dachte ich mir nur "Bei denen muss es ja laufen, wenn die soviele Praktikanten suchen"
Die Einladung zum Bewerbungsgespräch kam 1 Tag nachdem ich mich dort beworben hatte. Die junge Dame die mich interviewte war sehr kommunikativ und erklärte mir direkt, wie froh sie wäre endlich durch einen Praktikanten entlastet zu werden, da sie gerade ein Baby bekommen hatte und sie würde mich ja am liebsten sofort ab dem nächsten Tag einstellen. Auf meine Frage nach den Arbeitszeiten erklärte sie mir, dass ich 40 Stunden die Woche zu arbeiten hätte, aber dass die Geschäftsführung ja so großzügig wäre und mir 2 Urlaubstage pro Monat zugestehen würde. Das wäre ja sooo toll, wo man auf sowas doch nur bei einer 6-Tage-Woche Anspruch hätte.
Da musste ich mich geistig mal kurz ausklinken. Okay, also, 40 Stunden pro WOCHE? Für 400 Euro ? Da hab ich mich bestimmt verhört, die meint bestimmt 40 Stunden im MONAT.
Und was ist an 2 Urlaubstagen im Monat jetzt bitte so toll? Laut Bundesurlaubsgesetz (§§ 1-3) hat jeder Arbeitnehmer Anspruch auf mindestens 24 Urlaubstage im Jahr, wobei §4 und § 5 die Sache mit dem Teilurlaub regeln. Normalerweise besteht ein Urlaubsanspruch nach 6 Monaten im entsprechenden Arbeitsverhältnis. Wenn aber diese "Wartezeit" nicht zustande kommt, weil das Arbeitsverhältnis dafür zu kurz ist, wird der Anspruch dann anteilig berechnet, also bei 24 Tagen pro Jahr = 2 Tage pro Monat. Was ist daran jetzt bitte sooo toll und großzügig?
Dementsprechend habe ich dann auch vorsichtig nachgefragt. Nein, nicht verhört, ganz klar 40 Stunden WOCHE. Das mit dem Urlaub brachte sie dann ganz aus dem Konzept. Sie hat nochmal was von der 6-Tage-Woche gesagt, aber das Thema wurde dann schnell gewechselt.
Mein Aufgabenbereich war angemessen für eine Vollzeitbeschäftigung. Im Großen und Ganzen ging es dabei eigentlich nur darum, ihr Arbeit abzunehmen, damit sie früher nach Hause zu ihrerm Kind kann.
Am Ende des Gesprächs wurde mir dann versichert, dass ich ja am liebsten direkt am nächsten Tag anfangen könnte, weil sie ein sooo wahnsinnig gutes Gefühl bei mir hätte. Ich sagte, ich könne erst zum Ersten des nächsten Monats und fuhr völlig baff nach Hause.
Am nächsten Tag war auch direkt der Vertrag über ein "geringfügiges Beschäftigungsverhältnis" im Briefkasten.
Zitat aus dem Arbeitsvertrag:
" § 1 Art der Tätigkeit
Der Arbeitnehmer wird [...] als geringfügig Beschäftigter eingestellt [...] und wird nach näherer Anweisung der Betriebsleitung mit allen einschlägigen Arbeiten beschäftigt.
§ 2 Vergütung
(1) Der Arbeitnehmer erhält eine Vergütung in Höhe von 400 Euro im Monat [...]. Die Parteien gehen bei Abschluss dieses Anstellungsvertrages übereinstimmend davon aus, dass es sich bei dem Anstellungsverhältnis des Arbeitnehmers um ein geringfügiges Beschäftigungsverhältnis nach den hierzu geltenden gesetzlichen Rahmenbedingungen handelt.
§ 3 Vergütung
(1) Die regelmäßige wöchentliche Arbeitszeit des Arbeitnehmers beträgt ausschließlich Pausen 40 Stunden."
So manch eine verzweifelte Seele wird nun wohl all ihre Hoffnung für die berufliche Zukunft an solch eine Praktikumsstelle knüpfen, in den sauren Apfel beissen und diesen Wisch unterschreiben. Tatsächlich kennt man sich als Durchschnittsmensch auch nicht wirklich mit dem Arbeitsrecht aus und hat auch keinen blassen Schimmer ob so ein unverschämter Vertrag nun zulässig ist oder nicht. Wahrscheinlich denkt auch niemand darüber nach, weil "da kann man ja eh nix machen."
Ein Glück gibt es aber das "Internet", wo man beispielsweise die Seite der Minijob-Zentrale und einen kleinen Menüpunkt "Arbeitsrecht" findet. Dort kann man ganz klar nachlesen, dass geringfügig Beschäftigte also "Arbeitnehmer, die einen Minijob ausüben, nach dem Teilzeit- und Befristungsgesetz (TzBfG) als Teilzeitbeschäftigte gelten und grundsätzlich die gleichen Rechte wie Vollzeitbeschäftigte haben"
Werfen wir doch mal einen Blick in den entsprechenden Gesetzestext:
"§2 TzBfG
(1) Teilzeitbeschäftigt ist ein Arbeitnehmer, dessen regelmäßige Wochenarbeitszeit kürzer ist als die eines vergleichbaren vollzeitbeschäftigten Arbeitnehmers. [...]
(2) Teilzeitbeschäftigt ist auch ein Arbeitnehmer, der eine geringfügige Beschäftigung nach § 8 Abs. 1 Nr. 1 des Vierten Buches Sozialgesetzbuch ausübt."
Man könnte nun davon ausgehen, dass die vollzeitbeschäftigten Arbeitnehmer in diesem Betrieb länger schuften als 40 Stunden die Woche. Zur Sicherheit checken wir das mal schnell ab:
"§3 Arbeitszeitgesetz (ArbZG)
Die werktägliche Arbeitszeit der Arbeitnehmer darf acht Stunden nicht überschreiten. [...]"
Soweit so gut. Wir wissen also jetzt, dass ein Vollzeit Arbeitnehmer 8 Stunden am Tag arbeitet. Das entspricht 40 Stunden die Woche. Da im Arbeitsvertrag (§3) selbst aber ausdrücklich betont wird, dass es sich bei dem Anstellungsverhältnis um ein geringfügiges Beschäftigungsverhältnis handelt, welches per Definition im Gesetz aber eine Teilzeitbeschäftigung ist, kann das mit den 40 Stunden die Woche ja irgendwie nicht rechtens sein.
Wer sich nicht an der Arbeitszeit stört, der wird sich umso mehr an der "Vergütung" stören. Auch hier hilft das TzBfG weiter:
"§ 4
[...] Einem teilzeitbeschäftigten Arbeitnehmer ist Arbeitsentgelt oder eine andere teilbare geldwerte Leistung mindestens in dem Umfang zu gewähren, der dem Anteil seiner Arbeitszeit an der Arbeitszeit eines vergleichbaren vollzeitbeschäftigten Arbeitnehmers entspricht."
Ich gehe davon aus, dass jemand der fest bei einem Unternehmen angestellt ist eindeutig mehr als 2,50 Euro die Stunde verdient.
Nun bin ich ja kein Anwalt und weiß nicht, ob es nicht noch das eine oder andere Schlupfloch gibt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Unternehmen so dumm ist und derart offensichtlich rechtlich nicht einwandfreie Arbeitsverträge anbietet. Meiner Meinung nach grenzt das an Sittenwidrigkeit. Vielleicht hat die Geschäftsführung auch ein Poster im Büro.
Es gibt wohl immer wieder genug Verzweifelte, die sich stillschweigend ausbeuten lassen, in der Hoffnung übernommen zu werden, oder mit einem hippen, coolen Unternehmen im Lebenslauf beim nächsten Arbeitgeber zu punkten.
"Die glücklichen Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit." (Marie von Ebner-Eschenbach)